EIN TRAUM

WIRD

WAHR

von Marina Gersony FOTO Carlo William Rossi + Fabio Mureddu

A DREAM

COME

TRUE

by Marina Gersony PHOTO Carlo William Rossi + Fabio Mureddu

DAS BADEZIMMER, JA, DAS NEUE BADEZIMMER.

ES SOLLTE HELL, EINLADEND UND VOR ALLEM GERÄUMIG WERDEN.

Tessa schaute auf die abblätterndenWände und die Putzstücke, die so ziemlich überall auf den alten Fliesen verstreut waren. Sie stellte sich vor, wie das nach der Renovierung aussehen würde, ein funktionaler Raum, der ihren Sinn für Ästhetik und ihre Persönlichkeit widerspiegelt. Das Penthouse, das ihre Eltern ihr geschenkt hatten, befand sich in der Altstadt, im obersten Stockwerk eines historischen Gebäudes im Zentrum. Andrea, ihr Ehemann, war für die Restaurierung und Renovierung des Gebäudes zuständig. In drei oder vier Monaten würde das junge Ehepaar endlich diese Wohnung mit ihrer unbezahlbaren Aussicht auf die römischen Foren beziehen.

Tessa hockte sich auf den Boden und phantasierte darüber, wie man den Raum aufteilen könnte, ohne über die sanitären Anlagen zu stolpern. Sie blätterte durch eine Hochglanz-Einrichtungszeitschrift, aber nichts schien sie besonders zu beeindrucken: Alles wirkte trivial, übertrieben protzig oder wenig inspirierend. Sie, die ihre Kindheit und Jugend in einer Großfamilie verbracht hatte, fand stets in einem der vier Badezimmer des großen Hauses Zuflucht – dem intimsten Ort, um in einer Atmosphäre des Friedens ein wenig Stille zu genießen. Sie dachte an ihre Brüder, wie sie mit ihren Fäusten gegen die Tür schlugen und sie hänselten:

"Tessa/ die Prinzessin/ die stundenlang in den Spiegel starrt/ und ihr Gesicht bewundert", sangen sie aus vollem Halse und lachten wie verrückt. Tessa machte das nichts aus. Im Badezimmer konnte sie sich zurückziehen, träumen und sich von der Welt abkapseln. Es war der Ort der Reinigung von Körper und Seele, der Tempel der reinen Kontemplation und des Insichgehens; nur dort konnte sie ihren Gedanken Form geben und wieder zu sich selbst finden.

Das Eintauchen in die Dampfwolken, die von der Badewanne aufstiegen, war eine mystische Erfahrung, ein Ritual, das sie mit der Welt versöhnte und das sie niemals aufgeben würde. Im Badezimmer hatte sie wichtige Entscheidungen getroffen; sie hatte Stunden damit verbracht, sich selbst und andere zu verstehen; sie hatte lange Telefongespräche mit ihren engsten Freunden geführt, fernab von den neugierigen Ohren ihrer Familie; im Bad hatte sie sich Cora, ihrer

besten Freundin, anvertraut und stundenlang auf dem Badewannenrand gesessen, trotz des Murrens ihrer Eltern, die sich mit der Zeit damit abgefunden hatten, was sie für eine kindische Extravaganz hielten, die mit Nachsicht zu behandeln war. Tessa maß den Raum mit ihren Augen und berechnete, dass er groß genug war, um Platz für eine elegante, einladende Badewanne zu bieten. Sie stellte sich mehrere Modelle vor, die sie bei Google gesehen hatte, und stellte sich vor, wie sie in weichen, üppigen Schaum eingetaucht in der Badewanne lag. Ihre Gedanken schweiften weiter, bis sie langsam zu den Erinnerungen an die Zeit vor zwei Jahren gelangten, als sie ihren Mann Andrea bei einer unvergesslichen Poolparty kennengelernt hatte.


September 2018, eine Villa am Meer, eine sanfte Spätsommerbrise und der Sternenhimmel. Tessa und ihre Freundin Cora, ein unverbesserliches Fashion-Girl, hatten den ganzen Nachmittag damit verbracht zu entscheiden, wie sie sich für diese „Black Pool Party” kleiden sollten, bei der man unbedingt etwas Schwarzes tragen musste, um eingelassen zu werden. Die junge Frau entschied sich für einen eleganten 60er-Jahre-Pyjama in optischem Schwarz, dessen Hose mit einem dünnen weißen Band an der Seite verziert war. Der Kontrast zwischen dem schwarzen Pyjama und den langen roten Haaren ergaben einen wirklich schönen Effekt.

friend, sitting for hours on the edge of the tub despite the grumbling of her parents who over time had resigned themselves to what they considered a childish extravagance to forgive. Tessa measured the space with her eyes and calculated that it was large enough to host an elegant and enveloping bathtub. She visualized several models she had seen on Google and imagined herself bathed in a fluffy, voluptuous foam. Meanwhile, her mind continued to wander, until it slowly slipped into the memories of two years earlier, when she had met Andrea at a memorable pool party.


September 2018, a villa by the sea, a light late summer breeze and a starry sky, Tessa and her friend Cora, a diehard fashionista, had spent the whole afternoon deciding how to dress for that "black pool party", where it was imperative to wear something black to be admitted. The young woman opted for an elegant 60s pyjamas in an optical black version, with trousers embellished with a thin white side band. The contrast between the black pyjamas and the long red hair had a striking effect.

Der Abend brachte von Anfang an Spaß. Nach ausgiebigen Drinks, wildem Tanzen, Sprüngen in den Pool, improvisierten Volleyballspielen im Wasser, ganz zu schweigen von den Wasserbomben, die die Heiterkeit der Anwesenden entfesselten, versammelten sich gegen Mitternacht einige Jungs am Pool in einem Kreis für ein Gruppenspiel. Jemand schlug das klassische Flaschendrehen vor, ein anderer Tat oder Wahrheit, ein dritter Filmtitel-Raten, und schließlich entschied man sich einstimmig für die Scharade. Einer der jungen Männer bot sich an, die beiden Teams zu bilden. Jedes Team sollte abwechselnd einen Pantomimen und ein Wort wählen, das mit einem Ort, einem Haus oder einer Stadt verbunden ist, welches das gegnerische Team erraten musste.

Wer die meisten Wörter erriet, würde gewinnen. Nach kurzer Beratung schlug Tessa vor, ein Badezimmer nachzuahmen, eine ungewöhnliche Idee, die von den Teammitgliedern, die sie zur „offiziellen Pantomimin” ernannten, enthusiastisch begrüßt wurde. Tessa machte sich zunächst über sich selbst lustig. Sie war eine brillante junge Frau, die alles daran setzte, um unbemerkt zu bleiben. Aber an diesem Abend hatte sie etwas mehr als nötig getrunken, wodurch sie sich geselliger, ungehemmter und sexyer als sonst fühlte. Selbst Kinder wissen, dass Alkohol – in moderaten Mengen – Hemmungen beseitigen kann.

Da sie laut der Spielregeln nicht sprechen oder ihre Lippen bewegen durfte, improvisierte sie eine Reihe von Mimiken und Gesten im Versuch, sich verständlich zu machen.

Sie gab vor, dass die Wände echt seien, ebenso wie das Waschbecken, das Bidet, die Badewanne und die Dusche; sie stellte sich glatte, raue, feuchte, trockene, kalte oder warme Oberflächen vor. Ihr Körper reagierte wie von Zauberhand auf die Illusion, während sie sich selbst davon überzeugte, dass alles real war. Sie drückte mit ihren Händen sanft gegen die Wand, und wie in Trance manipulierte sie Raum und Materie, um einen Ort zu schaffen, der nur in ihrem Kopf existierte. Sie glitt mit einer Hand an den imaginären Rändern der Badewanne entlang und ahmte die Bewegung ihrer Beine und dann ihrer Füße nach ... zuerst des linken, dann des rechten, und schließlich tauchte sie mit ihrem ganzen Körper in einen luftig weißen Schaum ein. Ohne es zu merken, hatte Tessa die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen, indem sie unerwartete künstlerische Fähigkeiten zur Schau stellte. Plötzlich wachte sie wie aus einem Traum auf. Sie spürte die Blicke der Zuschauer auf sich gerichtet. Ein Mädchen aus der gegnerischen Mannschaft verkündete triumphierend: „Ich hab's verstanden, es ist ein Pool“; ein anderer junger Mann fügte hinzu: „Nein, das ist ein Wasserfall im Hochgebirge“, während ein dritter ihr in die Augen sah, auf sie zu kam und überzeugt zu ihr sagte: „Du bist wirklich gut, das ist ein Badezimmer.“

Sein Name war Andrea, er war ein gut aussehender Typ im Smoking und wirkte amüsiert. Tessa öffnete ihre Augen weit, als ob der junge Mann nicht echt wäre. Sie konnte ihren Herzschlag spüren. „Kommt schon, Leute, wir haben gewonnen, lasst uns alle duschen gehen und anstoßen.“ Andrea nahm das Mädchen bei der Hand und mit einem Glas Pinot in der anderen Hand zog er sie in eines der luxuriösen Badezimmer der Villa, gefolgt von den Freunden. Er warf sich voll bekleidet in die Badewanne, während Tessa ihren Augen nicht trauen konnte. Der Spiegel reflektierte einen vollständig bekleideten Mann, während er lachte, als wäre es die normalste Sache der Welt. So lernte sie Andrea kennen, den Mann, der zwei Jahre später ihr Ehemann werden sollte.


Tessa erwachte aus ihrem Traum. Sie war zurück in der Gegenwart und lehnte sich an die Wand des zukünftigen Penthouse-Badezimmers, wo sie bald ihr neues Leben mit Andrea beginnen würde.

Sie näherte sich dem Fenster und betrachtete die römischen Foren, großartig in ihrer imposanten Schönheit. Sie lächelte und fand das Leben schön.