NEUE HORIZONTE


Green Utopia

Grün als Generator des Lebens. Ein flexibler Organismus, der sich in städtische Räume verzweigt, bringt neues Leben und reguliert auf natürliche Weise das Leben der Menschen. Die Zukunft der Städte wird durch die Gestaltung von Parks und ökologischen Korridoren bestimmt.

NEW HORIZONS


A new vision: the Green Utopia

Green as a source of new life. A flexible organism that branches into urban spaces, brings vital sap and naturally regulates people’s lives. The future of cities passes through the design of city parks and ecological corridors

Das Atelier

Name

Metrogramma

Gegründet

1998

Büro

Mailand, Moskau, New York

Partner

5

Website

metrogramma.com

Direktor

Andrea Boschetti

Auszeichnungen

Habitat BZ 2001, Gold Medal for Italian Architecture. Domus Malles (INARCH Prize 2010

Machen wir ein Experiment. Einen Perspektivenwechsel. Versuchen wir, uns die ideale Stadt von oben statt von unten vorzustellen.

Betrachten wir sie als einen Organismus, als ein zusammenhängendes System, das sich auf natürliche Weise selbst versorgt. Wie in einem Spiel ziehen wir Linien, welche die grünen Kronen verbinden, die die städtischen Räume und Parks in ihrem Inneren umschließen. Diese Verbindungen sind wie Arterien: Sie bringen Leben, schützen die biologische Vielfalt und nähren das System. Rundherum verbleiben städtische Räume voller unzähliger grüner Verästelungen.

In dieser von der Pandemie geprägten Zeit haben wir verstanden, dass das Gleichgewicht, das das Leben des Menschen auf der Erde regelt, aus den Fugen geraten ist. Es ist nicht mehr nur das Problem einiger Umweltschützer, sondern eine Notwendigkeit, die uns alle betrifft. Also stellt sich spontan die Frage: Was müssen wir tun, um die Ordnung zwischen uns und der Natur wiederherzustellen? Wir fragten den Architekten und Stadtplaner Andrea Boschetti, Gründer des Studios Metrogramma, der seit Jahren urbane Räume in Italien und in der ganzen Welt entwirft und umgestaltet.


Welche Rolle sollten Grünflächen in unserem täglichen Leben spielen?

Eine grundlegende Sache, die wir in dieser Zeit verstanden haben, ist, dass der Respekt für die Umwelt, in der wir leben, nicht nur eine ethische Frage ist, sondern etwas absolut Essenzielles. Das Wort Nachhaltigkeit wird schon viel zu lange in einer bequemen, utilitaristischen Weise verwendet, die hauptsächlich darauf abzielt, etwas zu verkaufen. Über seine wahre Bedeutung ist nie nachgedacht worden. Diese Pandemie hat uns gelehrt, dass es Zeit für eine Revolution ist – und ich verwende dieses Wort in einer relevanten und nachhaltigen Art und Weise. Die Revolution geht von der Natur aus, die uns auf dramatische Weise ihre Botschaft vermittelt: Sie verlangt absoluten Respekt.


Was muss sich konkret ändern, um das richtige Gleichgewicht zwischen Natur und Stadt wiederherzustellen?

Es gibt strukturelle Praktiken und individuelle Aktionen. In Italien muss zunächst ein Gesetz über die Zuständigkeiten in Sachen Architektur und Stadtplanung verfasst werden. Eine Regelung der Beziehungen zwischen Planern und Verwaltungen würde die Möglichkeit bieten, über strukturierte, langfristige Interventionen nachzudenken, und nicht nur auf fünf Jahre ausgerichtete Projekte.

Mit anderen Worten: Architekten müssen entwerfen, ohne durch die Zeiten der Politik eingeschränkt zu sein; Politiker müssen verwalten, ohne Slogans zu lancieren. Auf diese Weise würden Stadtplaner und Architekten auch eine gewisse Verantwortung bei der Gestaltung von Städten übernehmen. Dann sind da noch die Menschen.

Wir alle sind aufgerufen, unsere Gewohnheiten zu ändern. Ich weiß, dass das sehr schwierig ist, aber es gibt keine Alternative. Wir müssen das Beste aus diesem Lockdown machen: Technologie bestmöglich nutzen, indem wir mehr im Home Office arbeiten und Meetings reduzieren, die in elektronischer Form organisiert werden können; häufiger Fahrrad fahren; aufpassen, dass keine Zigarettenkippen auf die Straße geworfen werden; sorgfältiger auf Recycling achten, weniger Abfall produzieren.


Wie sollten sich Städte verändern?

Genua. Rendering des zukünftigen Polcevera-Parks und des „Roten Kreises“. Das noch im Bau befindliche Projekt wird verantwortet von Metrogramma, Stefano Boeri und Inside Outside.

Unten. NYC Boulevard & Broadway, Slow City Planning, 2009; Metrogramma mit ETH Zürich, Polytechnische Hochschule Turin, Universität Federico II Neapel.

Projekte

Bebauungsplan von Mailand (PGT 2011); Scalo Milano City Style (2016); VIP-Gebäude im Losail Marina-Distrikt in Doha, Katar; eine der Welt des Skisports gewidmete touristische Einrichtung namens „Sunny Valley" im Ural, Russland; Polcevera-Park, Genua 2019.

Derzeit ist er wissenschaftlicher Leiter aller Veranstaltungen, die vom Innovation Design District Milan – Porta Nuova, Porta Volta gefördert werden, sowie Leiter für Design des in London ansässigen Studios „The One Atelier“, einem internationalen Unternehmen, das auf Luxusimmobilien spezialisiert ist. Im September 2019 gewann er zusammen mit Stefano Boeri und Petra Blaisse die internationale Ausschreibung für den Wiederaufbau des „Quadrante Val Polcevera – il Cerchio Rosso (der Rote Kreis) und des Parco del Ponte“ in Genua.

In den letzten fünfzig Jahren wurden Städte im Anti-Natur-Modus konzipiert. Wenn wir über die Entwicklung der Infrastruktur in den 1970er- und 1980er-Jahren nachdenken, können wir feststellen, dass die Verkehrsplanung die letzten Spuren von Natur in der Stadt ausgelöscht und klare Trennungen zwischen denen, die spazieren gehen oder Rad fahren wollen, und denen, die sich schnell fortbewegen müssen, geschaffen hat. Alles, was mit einem entschleunigten Leben zu tun hatte, wurde auf ein Minimum reduziert: Aus Plätzen wurden Straßenkreuzungen, aus Boulevards Autobahnen. Die Präsenz der Natur wurde auf die Anpflanzung von Hecken reduziert. Heute sind 85 % des städtischen Raums der Mobilität gewidmet und nur 15 % den Menschen, die sich langsam bewegen. Aber Städte bestehen aus Menschen. Es ist notwendig, den Raum für Mobilität – wobei diese reduzierter, elektrisch und sauber sein muss – gegenüber dem der Natur-Stadt neu aufzuteilen.

Dies ist der richtige Zeitpunkt dafür – alle sind sich einig –, aber die Räume müssen neu gestaltet werden. Es gibt viel zu tun, und es gäbe viele strukturelle Investitionen für das Gemeinwohl, die definiert werden müssten.


Wie kann die biologische Vielfalt geschützt werden?

Die Natur ist ein System: Es ist nicht wichtig, darüber zu sprechen, wie viel Grün in einer Stadt vorhanden ist, sondern wie es organisiert ist. Vögel und Eichhörnchen in London bewegen sich durch ökologische Korridore. Diese erhöhen auf hervorragende Art und Weise die Fähigkeit, bioklimatische und Reichtümer der Fauna selbst im Herzen der Metropole zu verbreiten. In dieser Zeit, in der wir den Verkehr reduziert haben und uns weniger fortbewegen, nehmen wir mit Erstaunen die Präsenz von Rehen und Gänsen mitten in der Stadt wahr. Dies bestätigt, dass die Stadt als System ökologisch funktionierte. Ökologische Korridore – wahre Arterien, die selbst weit voneinander entfernte Grünflächen verbinden – sind nicht nur wichtig, weil sie unsere Lebensqualität verbessern, sondern weil sie die Natur selbst stärken. Ökologische Systeme innerhalb und außerhalb von Städten so weit wie möglich zu verbinden, ist die Aufgabe der Stadtplaner in den kommenden Jahren.


Wie wichtig sind Parks in Städten?

NYC Boulevard & Broadway, Slow City Planning, 2009; Metrogramma mit ETH Zürich, Polytechnische Hochschule Turin, Universität Federico II Neapel

Oben. Zukunftsstadt Mailand – Achse San Babila-Via Padova, Forschungsauftrag von Volvo: 10 Projekte für Zentrum-Peripherie-Achsen, 2019.

Der Bedarf an offenen Räumen wird zunehmend zu einer Notwendigkeit werden. Und Parks in Großstädten sind ein Aspekt, der organisiert werden muss. Ich denke da an den Parco Sud in Mailand, hauptsächlich ein Industriegebiet, das den Mailändern weitgehend unbekannt ist. Wenn er auch als städtischer Park aufgewertet würde, wäre er der größte in Europa. In dieser Zeit hätte er zu einer Freiluftschule werden können. Und wäre ein Beispiel für die ganze Welt geworden. In Großbritannien zum Beispiel werden alle Orte, an denen sich pädagogische Aktivitäten im Freien entwickeln könnten, erfasst.

Es ist wichtig, dass jedes Viertel, jeder Bezirk und selbst die kleinste Gemeinde über einen eigenen Park verfügt, der mit anderen Grünflächen verbunden ist. Die Parks können Theater, Sportanlagen, Kinderbereiche, Lesezonen, Restaurants und Bars beherbergen. Die Qualität von Parks ist stets direkt proportional zur Qualität der von ihnen angebotenen Dienstleistungen. Es ist daher notwendig, Trinkwasserspender zu planen und Parks mit qualitativ hochwertigen, selbstreinigenden, berührungslosen und sicheren Toiletten auszustatten.


Zusammen mit Stefano Boeri, Petra Blaisse und Laura Gatti arbeiten Sie am Polcevera-Park in Genua. Was für ein Park wird das werden?

Über den Park wurde die von Renzo Piano entworfene Morandi-Brücke gebaut: Sie verbindet sehr weite Gebiete, Frankreich und Italien. Sie befasst sich nicht mit den Gemeinschaften, die vom Einsturz der alten Brücke betroffen sind. Der Polcevera-Park hat die Aufgabe, die beiden Seiten des Tals, die in Mitleidenschaft gezogen wurden, neu zu beleben. Er wird als ein System von Parks mit unterschiedlichen Umweltformen und Infrastrukturen konzipiert.

Es wird einen Industriepark, einen Park der Erinnerung und einen Fahrrad-/Fußgängerweg geben, der zum Bahnhof führt. Außerdem werden ein Zentrum für Innovation, eine „grüne“ Fabrik, das neue Studentenwohnheim für die Universität und Einrichtungen wie Gesundheitszentren für die örtlichen Gemeinschaften dort angesiedelt. Das Grün wird zum Generator für die Regeneration neuen Lebens. Im Allgemeinen wurden Grünflächen von Bauherren schon immer als eine Notwendigkeit angesehen, um ihrer Umgebung nach Abschluss der Bauarbeiten etwas zurückzugeben. In diesem Fall ist der Unterschied deutlich: Wir beginnen mit dem Park und bauen die Architektur um ihn herum. Und im Mittelpunkt des Projekts stehen die Bedürfnisse der Menschen.