Von Angesicht zu Angesicht mit Roberto Palomba

Der international bekannte Designer und Architekt führt seine Firma seit 25 Jahren zusammen mit Ludovica Serafini. Der Chefdesigner von Ideal Standard erzählt von sich und enthüllt Leidenschaften, Projekte und Träume. Und wie man sich das Haus von morgen vorstellen kann.

Ein mitreißender Fluss, energisch, positiv, voller Tatendrang. Roberto Palomba kann auf fünfundzwanzig Jahre Berufserfahrung blicken, aber seine Kraft und Neugierde sind immer noch die eines Athleten beim ersten Rennen. Seine Solidität hat weitreichende, klassische, fast antike Ursprünge. Mythen, Gesten, Grundbedürfnisse, Schönheit, Harmonie. Alles vereint sich in seinem Kopf, um sich dann in Projekte zu verwandeln, die Probleme lösen und für die Menschen, an die sie sich richten, nützlich und funktional sein wollen. Wir treffen ihn über Skype, wie es sich in Zeiten von Corona gehört ...


Was bedeutet es heute, ein Designer zu sein?

Wenn die Gesellschaft perfekt wäre, bräuchten wir keine kreativen Menschen. Kreativität ist eine Antwort. Sie entsteht, um Probleme zu verkleinern und zu lösen. Einschränkungen sind notwendig, um loszulegen. Es scheint, dass Kreativität aus dem Bedürfnis entsteht, Proteine zu konsumieren: Sie kommt von der Jagd. Der Mensch wird beim Jagen erfinderisch und kreativ. Die ersten Höhlenmalereien werden mit Jagdszenen in Verbindung gebracht und stellen eine klare Vorwegnahme der primären Beziehung zwischen Nahrungsbeschaffung und Kreativität dar. Indem sie das Notwendige ritualisieren, überschreiten die Bilder die Grenzen zwischen Aktion, Kreativität und Göttlichkeit. Wir brauchen Ideen, die den Geist nähren und unserem Leben und unserem Tun Sinn verleihen. Die geistige Struktur des Menschen, die wir für hoch entwickelt halten und von der wir glauben, sie zu beherrschen, zeigt jedoch vor allem, wie primitiv wir sind. Primitiv und unkontrollierbar sind viele menschliche Bedürfnisse: Hunger, Schlaf, Kälte, Verlieben, sexuelle Bedürfnisse. Gelingt es Ihnen, sich nicht zu verlieben? Nein, ich verliebe mich jeden Tag, weil ich einfach viel zu neugierig bin.

Das Atelier

Name

Palomba Serafini Associati

Gegründet

1994

Büro

Mailand –Italien

Mitarbeiter

25

Website

palombaserafini.com


„Gelingt es Ihnen, sich nicht zu verlieben? Nein, ich verliebe mich jeden Tag, weil ich einfach viel zu neugierig bin.“

Auszeichnungen

Compasso d’oro, Elle Decoration International Design Award, Red Dot, Good Design Award, Design Plus, German Design Award

Beziehungen zu anderen Designfirmen

70

Architekturprojekte

30


25 Jahre im Geschäft. Wenn Sie zurückblicken, was würden Sie nicht noch einmal tun, und was interessiert Sie heute?

Das Arbeitsfeld des Designers entwickelt sich ständig weiter und diktiert oft unsere Entscheidungen. Man lebt ein wenig aus dem Kreativen und ein wenig aus den Chancen, die einem die Arbeit bietet. Mit der Zeit baut man seine eigenen Erfahrungen auf, und diese schaffen Synapsen, die wiederum die Expertise und den kreativen Geist stärken. Je kompetenter wir werden, desto mehr strengen wir uns an, besser zu werden und mehr zu schaffen. Das ist wissenschaftlich: eine Rückkoppelung auf chemisch-psychophysischer Ebene. Man ist also gezwungen, weiterhin so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln. Wenn ich mir meine Arbeit ansehe, würde ich nichts auslassen wollen, es gibt nichts, was ich nicht wieder tun würde: Diese Arbeit ist in allem schön – die Menschen, denen man begegnet, sind schön, die Themen, denen man sich stellen und die man miteinander teilen muss, die Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Entwerfen bedeutet, immer weiter zu lernen und zu entdecken. Jedes Mal, wenn man auf ein Projekt verzichtet, hemmt man sein Wachstum. Und dann ist es ein Beruf mit tausend Facetten, mit tausend Verbindungen.

Als Art Director eines Unternehmens kann man zum Beispiel die technischen, kommerziellen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekte eines Produkts von innen heraus verstehen. Der Designer an sich ist in seiner Vision, in seinem Lernen begrenzt. Ich würde also die Frage anders formulieren: Was kann zur geleisteten Arbeit hinzugefügt werden? Die Antwort ist einfach: Ich würde mich mehr auf die Architektur konzentrieren. In unserem Atelier reduzieren wir in der Tat die Design-Aufträge, um der Architektur mehr Zeit zu widmen. Ich habe das Bedürfnis, an den Räumen zu arbeiten und mich anders auf das Produkt zu konzentrieren.

Ein Art Director kann die technischen, wirtschaftlichen, kommerziellen und sozialen Aspekte eines Produkts von innen heraus verstehen.

Ein Klassiker neu aufgelegt. Hängende Version von Birdie, 2011, Foscarini

Fertiggestellt im Jahr 2016. The House Boat, privates Wohnhaus in Gallipoli

Lama, die 2006 für Zanotta entworfene Chaiselongue

Mit seiner organischen Form aus mundgeblasenem Glas ist Gregg in verschiedenen Größen erhältlich. 2007, Foscarini

Eine Kollektion für den Außenbereich, Grandpliè. 2010, Driade

Archaische Formen und Anspielungen auf das beste amerikanische Design: Be Bop, 2017, Kartell

Eine professionelle Restaurierung. Palazzo Daniele, heute ein Boutique-Hotel, wurde von Ludovica und Roberto Palomba respektvoll neu gestaltet. In einer der 9 Suiten zu wohnen, ist wie ein Sprung in die beste Atmosphäre der italienischen Kultur aus Gegenwart und Vergangenheit.


Denken Sie dabei mehr an öffentliche oder an private Räume?

Eigentlich an beides. In letzter Zeit haben wir an einer Ausschreibung für die Gefängnisse in Lecce und an der Renovierung des Wohnhauses von Paolo Stella, einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gearbeitet. Zwei extrem unterschiedliche Projekte. Gemeinsam ist ihnen die psychologische Analyse der zukünftigen Bewohner.

Der Raum, in dem wir leben, ist ein intimer Ort. Der von Paolo Stella ist ganz klar mit dem öffentlichen Charakter seines Lebens verbunden: Das Haus ist auch ein Ort, an dem man von sich selbst erzählt, und kann zu einer digitalen Bühne werden. Das Projekt „Sechs Quadratmeter“, das aus der Begegnung mit Flavio De Carlo von der Architektenvereinigung von Lecce und der Gefängnisdirektorin Rita Russo hervorgegangen ist, spricht andere Probleme an. Das Arbeiten ohne jegliche Ästhetik hat wichtige Fragen aufgeworfen. Wie holt man Menschen in die Gesellschaft zurück, wenn man sie der Schönheit beraubt? Gibt es ein Existenzminimum an Schönheit? Designer und Architekten können heute nicht mehr nur an Schönheit denken ̶ es gilt, noch andere Werte zu vermitteln. Selbst auf wenigen Quadratmetern Komfort zu schaffen, ist eine große Herausforderung, denn es zwingt uns, über Personen nachzudenken, über den Menschen als Individuum, nicht als Kategorie. Was sich in den letzten Jahren radikal verändert hat, sind das Verhalten und der Lebensstil der Menschen.

Das Zuhause ist der Spiegel dieser Transformation. Es gibt keine typische Familie mehr. Da ist der Single, der in einem riesigen Haus lebt, und dort die Familien mit vier Personen, die sich 50 Quadratmeter teilen; es gibt ältere Menschen, die Hilfe brauchen, und diejenigen, die zu Hause arbeiten und wohnen. Während es früher einfach war, an einen Standardwohnraum zu denken ̶ der Grundriss war fast immer bekannt ̶ , muss heute alles angepasst werden. Früher sprachen wir über vorgefertigte Räume, heute müssen wir jeden Ort personalisieren.

Dies ist ganz sicher anspruchsvoller in Hinsicht auf Zeit, Gedanken und Kosten. Aber heutzutage müssen wir die Komplexität unserer Zeitgenossen mitgestalten.

Italienisches Design zeichnet sich durch Harmonie, Ausgewogenheit, Eleganz und Charakter aus. Das Sofa Let It Be enthält all dies. 2017, Poltrona Frau

Kreativität und Zerstörung, die fester Bestandteil der menschlichen Gattung sind, müssen ein neues Gleichgewicht finden – ebenso wie Stadtgebiete sich mehr mit der Natur austauschen müssen.

Vereinfachung von Entwürfen, Schaffung einer neuen Farbpalette, Aktualisierung der Zeichen der Vergangenheit. Mit Respekt und einem klaren Fokus auf zeitgenössische Trends haben Ludovica+Roberto Palomba die Atelier Collections geschaffen, eine neue Ergänzung der Designkultur bei Ideal Standard.


Das Wohlbefinden der Menschen geht heute Hand in Hand mit Sicherheit. Das Badezimmer spielt in dieser Dialektik eine grundlegende Rolle. Wird sich das Design dieses Raums ändern?

Das Badezimmer ist ein Anrecht, für viele Gesellschaften ein mittlerweile selbstverständliches Gut. Sanitärartikel sind die tragenden Elemente eines Hauses, so wie Fenster und Böden, sie sind Teil der Design-Hardware. Diese Monate des Lockdowns haben es uns ermöglicht, unser Zuhause genauer kennenzulernen. Das Badezimmer enthüllte seine vielfältigen Funktionen. Ort zum Ablassen von Druck – sich isolieren können –, Ort der Regeneration – Wasser hat zahlreiche positive Auswirkungen auf den Menschen –, Ort der Reinigung, Ort der Begegnung mit sich selbst, aber auch mit anderen. In Zukunft wird dieser Raum sowohl in privaten als auch in öffentlichen Gebäuden zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Smart Working wird längere Aufenthalte zu Hause erfordern und das Zuhause gleichzeitig in einen öffentlichen und einen privaten Ort verwandeln. Öffentliche Toiletten müssen auf eine größere Nachfrage nach Hygiene und Sicherheit reagieren.

Ich arbeite gern für Ideal Standard, weil man sich hier schon immer damit beschäftigt hat, Modernität in diesen Raum, auf den jeder Anspruch hat, zu bringen. Und dies von Anfang an zusammen mit den einflussreichsten Persönlichkeiten des Designs: Gio Ponti, Achille Castiglioni, Paolo Tilche, Gae Aulenti, um nur einige zu nennen. Diesen Weg fortzusetzen ist eine schwierige, aber äußerst anregende Herausforderung. Die Frage ist: Wie kann man in der neuen Normalität neue Standards für Badezimmer setzen?

Leicht, spielerisch und für jeden Raum geeignet. Das ist der Stuhl Sissi, entworfen 2017 für Driade.

Apsara, Outdoor-Sofa, 2017, Giorgetti


Rem Koolhaas eröffnete die Ausstellung‚ ̶ „Countryside, the Future“ im Guggenheim Museum in NYC mit den Worten, dass ländliche Gebiete der wahre Technologie-Inkubator unserer Zeit seien. Werden Städte Bezugspunkte mit magischer Anziehungskraft bleiben oder werden sich neue Lebensstile außerhalb der städtischen Gebiete entwickeln?

Wir könnten 2020 als das Jahr eines Neuanfangs definieren. Wir erleben die wahre digitale Revolution. Unser Leben hat sich verändert, unsere Arbeit wandelt sich, unsere täglichen Beziehungen sind anders. Zum Stillstand gezwungen, bleibt uns mehr Zeit zum Nachdenken. Die digitale Allgegenwart ermöglicht weniger physische Interaktion und weniger Ortswechsel.

Die Natur hat ihre Zähne gezeigt: Wir nutzen den Planeten ohne Skrupel aus und die Natur – die klüger als wir ist und eine größere Anpassungsfähigkeit aufweist – hat gezeigt, dass sie uns in die Knie zwingen kann.

Kreativität und Zerstörung, die Teil des Menschen sind, müssen ein neues Gleichgewicht finden, ebenso wie städtische Gebiete enger mit der Natur in Dialog treten müssen. Städte sind heute eher geistige als materielle Konstrukte. Der Dialog ist der Ort der Begegnung mit der biologischen Vielfalt. Die ökologischen Korridore regen mich an, über eine Stadt der Zukunft nachzudenken.

Ich rufe mir die urbanistische Organisationsstruktur von Cardo und Decumanus ins Gedächtnis und denke an grüne Wege und Schutzgebiete, in denen die Natur ihre Autonomie bewahren kann. In älteren Städten könnten ungenutzte Gleise und Bahnhöfe umgebaut werden. Dies ist bereits Realität: Ein Beispiel ist die High Line in New York. Kommende Generationen haben die Aufgabe, über die neue Gesellschaft nachzudenken. Wir versuchen, den Staffelstab so gut wie möglich weiterzugeben.