TALENTE


Der Faden der Geschichte

Stickerei als Therapie, Ausdruck des Innersten und Sprachrohr einer zeitgenössischen Ausdrucksform. Carolina Mazzolari hat das Studium von Stoffen zur Grundlage ihrer zeitgenössischen Kunstwerke gemacht, die heute in London ausgestellt werden.

Dark Blooms ist eine Performance von Carolina Mazzolari mit einer individuellen weiblichen Ästhetik. Sie will kulturelle Werte und gesellschaftliche Umstände metaphorisch verkörpern, die Selbstbewusstsein und Unsicherheit aufzwingen. Fotograf Matteo Bertolio, Sounddesigner Lorenzo Brusci. Royal Academy, London 2018.

Ein Stoff kann bemalt, genäht, gefärbt, geschnitten und rekonstruiert werden. Er ist flexibel und eignet sich für unzählige Verarbeitungen, dennoch sind einige Regeln zu beachten, auch wenn sie die Kreativität einschränken. Mein Ziel ist es, nicht nur verschiedene Techniken zu verwenden, sondern auch in der Lage zu sein, ein handgefertigtes Objekt in ein zeitgenössisches Kunstwerk zu verwandeln, auch wenn es mit alten Methoden hergestellt wurde.“ Diese Aussagen stammen von Carolina Mazzolari, einer gebürtigen Italienerin, aber Wahlengländerin. Sie studierte zunächst in Mailand an der Akademie der Schönen Künste und dann in London am Chelsea College of Art und an der University of The Arts, wo sie sich auf Stoffdesign, Siebdruck und Färben spezialisierte. Sie ergänzte ihre Ausbildung mit Psychoanalyse und widmete sich kognitiven Studien, die den menschlichen Geist als ein vermittelndes Element zwischen dem Verhalten und der rein neurophysiologischen Hirnaktivität ansehen. Das Funktionsmodell wird metaphorisch mit dem einer Software gleichgesetzt, die von außen kommende Informationen verarbeitet und in Form von Wissensrepräsentation, organisiert in semantischen und kognitiven Netzwerken, wiedergibt. „Je mehr man die Psychoanalyse studiert, desto mehr hilft sie, eine tiefgehende Sprache zu verwenden und in eine breitere Gedankenwelt vorzustoßen.“ Wir erreichen Carolina telefonisch in ihrem Wohn-Atelier in London, wo sie mit ihrem Ehemann, einem Bildhauer, in zwei miteinander verbundenen Einheiten lebt, die im Grunde eine große kreative Werkstatt bilden.

Ein Porträt der Künstlerin vor der Videoinstallation Emosphere anlässlich der Ausstellung Emotional Fields in der Tristan Hoare Gallery in London.


Wie hat Ihre Leidenschaft für Stoffe begonnen?

Die Stoffe sind mit mir groß geworden. Meine Familie hat mich im Streben nach Qualität erzogen, das Know-how der Stoffstruktur vertiefte ich dann in der Schule. Man muss ein profundes Verständnis für die verschiedenen existierenden Arten, aber auch für die Einschränkungen für deren Verarbeitung haben. Dank Lliuba Popova, einer Dozentin bei NABA, habe ich auch eine Leidenschaft für die Geschichte der Kostüme entwickelt, die viel über Rohstoffe verraten. Später habe ich als Mitverantwortliche und Textildesignerin bei Verger Milano in Strickfabriken gearbeitet und mühsam gelernt, wie man mit Industriemaschinen arbeitet und verstanden, wie gestrickte Jacquard funktionieren. Schließlich habe ich mit unzähligen Garnvarianten experimentiert und bin zu einer präzisen Präferenzskala gelangt, an deren Spitze ich handgefertigte Stoffe, vorwiegend aus Leinen und Hanf, hauptsächlich für die Herstellung von Kunstwerken einsetze: Es sind zwar weniger geradlinige Materialien, die eine Reihe von Problemen mit sich bringen, aber die Ästhetik ist unschlagbar und sie nehmen Farbe besonders intensiv auf. Seit 2014 bin ich wieder in London und habe ich mich entschlossen, jede schnelllebige Produktion aufzugeben und mich auf einzelne Werke zu konzentrieren. Die Arbeiten werden meist auf dem Webstuhl gefertigt und verwandeln sich dann in Skulptur, Fotografie und Performance- Kunst. Derzeit arbeite ich an einer Serie von Wandteppichen, die bemalt sind, aber große handgestickte Teile enthalten.


Oben links. Island II, 2020, der Serie Emotional Fields. Bedrucktes Leinen, von Hand bestickt mit Baumwolle, Wolle und Seide. Oben rechts. Emotional Fields ist eine Reihe von Wandteppichen, die von Kurt Lewins Raumdiagrammen und Carl Gustav Jungs Theorien über das kollektive Unbewusste inspiriert sind. Wie emotionale Landkarten erzählen sie in Fischgrätstickereien aus Baumwoll-, Seiden- und Wollfäden von Gemütszuständen. Auf dem Foto Island A, 2020.


Erzählen Sie uns von diesen Arbeiten.

Sie heißen Emotional Fields und ich habe sie in der Tristan Hoare Gallery in London präsentiert. Es handelt sich um eine fortlaufende Serie von Arbeiten, gestickt im silbergrauen Fischgrätstich auf handbemaltem und handgefärbtem Leinen, deren Muster durch die Ausrichtung des Lichts lebendig werden. Sie sind wie Mandalas, abstrakte Landkarten, daher der Name: emotionale Landkarten. Sie stellen Stimmungen oder mentale Zustände dar. Inspiriert wurde ich von den Raumdiagrammen des Psychologen Kurt Lewin und de Theorien von Carl Jung über das kollektive Unbewusste, das Archetypen enthält, also die Formen und Symbole, die sich in allen Völkern und Kulturen manifestieren.

Carolina Mazzolari in ihrem Atelier in London.

Die sich wiederholenden, rhythmischen Bewegungen des Stickens bieten nicht nur Befriedigung, sondern erfordern auch ein gewisses Maß an Konzentration.

Welche Beziehung haben Sie zur Bearbeitung von Textilien und Ihrem Kunstschaffen im Allgemeinen?

Ich versuche, den Betrachter auf meine Reisemitzunehmen, damit er sowohl meinen Weg als auch das von mir geschaffene Kunstwerk versteht. Mir gefällt die Idee, dass sich der Betrachter reflektiert und in eine andere Welt eintaucht.

Deshalb präsentiere ich bei jeder Ausstellung ein Video, das im extra großen Format projiziert wird, um den Betrachter auf diesen Übergang vorzubereiten. Diesen Prozess habe ich aus erster Hand erfahren und gelernt. Es war im April 2000, als ich die von Denis Santachiara kuratierte Ausstellung Stanze & Segreti in der Rotonda della Besana, einem der schönsten historischen Gebäude Mailands, besuchte. Die Ausstellungs-Performance präsentierte die Werke von 18 weltbekannten zeitgenössischen Künstlern und Regisseuren. Jedem Künstler wurde ein bestimmter Raum zugewiesen, den er frei ausgestalten konnte, um seine eigene Welt darzustellen. Sogar die Gerüche waren präzise rekonstruiert. Dieser Besuch hat mein Leben verändert: Nie zuvor hatte mich der Besuch einer Ausstellung emotional so stark bewegt. Diese Ausstellung hat mir eine Welt eröffnet.


Wie fließen Philosophie, kognitive Prozesse und Psychoanalyse in Ihre Arbeit ein?

Ich machte bei einer analytischen Therapie mit, die auf kognitiven Studien basierte. Das hat mir auch sehr geholfen, mehr über die Funktionsweise des Geistes zu erfahren und die Philosophie zu verstehen. Es war viel mehr, als ich je auf der Grundlage der akademischen Lehre oder nur durch Lesen darüber lernen hätte können. Mir gefällt die Vorstellung, dass meine Arbeit eine tiefere Sprache verwendet, die nicht für jeden sichtbar ist. Sicher verwende ich Symbole, aber in einer abstrakten Form, es ist mehr eine Idee als ein psychoanalytischer Ansatz. Ich habe damit begonnen, große archetypische Figuren zu schaffen, die jetzt jedoch zu emotionalen Landkarten geworden sind. Ich habe die Essenz dieser Bilder extrahiert.

Carolina Mazzolari und Love II, 2018. Serie Emotional Fields. Bedrucktes Leinen, von Hand bestickt mit Baumwolle und Wolle.


Was sind Ihre nächsten Projekte?

Meine nächste persönliche Ausstellung Ende 2021 oder Anfang 2022 wird Prayers Wheels heißen. Ich werde ein neues Gesamtwerk aus Wandskulpturen, einem Video und einer neuen Serie von Wandteppichen zeigen. Es sind die stillen Gespräche, die wir in uns selbst pflegen, die stummen Gespräche, die wir mit dem Universum oder mit uns selbst führen. Zurzeit arbeite ich an einer Live-Performance und einem Video, das sich mit weiblichen Themen beschäftigt. Ich werde mit einer wichtigen Komponistin, Mira Calix. Spielort werden in abstrakter Weise die alten Waschplätze sein, die sich früher in einigen Ländern am Ufer des Flusses befanden. Ich hoffe, dass die Charaktere, die im Film vorkommen, in einer Live-Performance zum Leben erwachen können. Vielleicht wird Messums Whiltshire der erste Ausstellungsort sein.


Sie arbeiten seit einiger Zeit mit einer Wohltätigkeitsorganisation zusammen, die mit Häftlingen großformatige Stickereien anfertigt. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Sticken und dem damit verbundenen körperlichen und geistigen Wohlbefinden?

Die Einrichtung heißt Fine Cell Work und wird von einer Gruppe wirklich außergewöhnlicher Frauen geleitet. Sie bringt erfahrene Handwerker zusammen, die vor allem für ihre bestickten Kissen und dekorativen Arbeiten bekannt sind, aber in Wirklichkeit machen sie auch spezielle Projekte mit zeitgenössischen Künstlern. Im Februar 2020 organisierte Sotheby's London eine große Ausstellung, deren Erlös an die Stiftung ging. Neben mir schlossen sich Ai Weiwei, Cornelia Parker, Idris Khan, Wolfgang Tillmans, Annie Morris, Bob & Roberta Smith, Francis Upritchart an. Die Verbindung zwischen mentaler Gesundheit und Nähen ist keine neue Tatsache. Berühren,

Modellieren, Sticken, Malen sind manuelle Tätigkeiten, die gut für das Gehirn sind, weil sie die Produktion von Endorphinen anregen und Cortisol, das Hormon für Stress und Angst, reduzieren. Historisch gesehen hat die Tätigkeit des Nähens dazu beigetragen, in einer Vielzahl von Umständen die Bevölkerungszahlen zu verändern und psychologische Traumata zu überwinden oder zu lindern. Veteranen des Ersten Weltkriegs aus Großbritannien, Australien und Neuseeland zum Beispiel praktizierten das Sticken als eine Form der Therapie, um die Schrecken der Kriegshandlungen zu überwinden. Wie das Malen, aber mit Faden. Es gibt eine Vielzahl von Uniformen mit gestickten Schriftzügen oder Stickmustern. Die sich wiederholenden, rhythmischen Bewegungen des Stickens bieten nicht nur Befriedigung, sondern erfordern auch ein gewisses Maß an Konzentration. Konzentration ist eine sehr wichtige Handlung, weil sie den Geist beschäftigt hält und von negativen Gedanken ablenkt,


Carolina und The Bubble Maker, 2016, Wandteppich aus Seide, Baumwolle und Wollfaden, gezeigt in Venedig 2019 in der Ausstellung Von Kandinsky bis Botero.

die typisch für ängstliche oder depressive Personen sind. Ist der Geist beschäftigt, kann er nicht außer Kontrolle geraten. Darüber hinaus stellt das Sticken, wie auch andere Handarbeiten, das Gemeinschaftsgefühl wieder her, selbst für diejenigen, die allein, in abgelegenen Gegenden oder isoliert in den vier Wänden eines Gefängnisses leben. Für Menschen, die unter Depressionen leiden, bietet die Kreativität des Stickens hingegen ein Gefühl der Erfüllung. Schon ein paar Stiche am Tag sind ein Fortschritt. Fortschritt ist zudem ein Synonym für Wachstum: Wenn man etwas kreiert – egal wie langsam und auf welcher Ebene – gibt es immer ein Gefühl der Entwicklung und Bewegung. Die Stickerei kanalisiert negative Energie und verwandelt sie in etwas Positives. Sie ist beruhigend und macht gelassen. Mit den Händen zu arbeiten und Ideen Gestalt zu geben ist heute ein großes Privileg und wie Richard Sennet sagt: „The desire to do a good job for itself is a fundamental human impulse.”


Die Künstlerin mit einem ihrer Werke in der Entstehungsphase.