Die Leserin


Ich habe Telefonumfragen immer gehasst, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ich frage mich immer, wie sie an meine Handynummer gekommen sind, aber das sind sie irgendwie. Vor ein paar Tagen, als ich mich gerade auf den Weg zur Arbeit machte, erhielt ich einen Anruf von einer gewissen Carla vom Lou & ParTnersOnline Verlag: „Guten Tag, sind Sie Fräulein Elena? Wir sind Verleger, die sich auf die Bereiche Beratung und Schulung spezialisiert haben. Dies ist die erste einer Reihe von Umfragen über den Literaturgeschmack der unter 30-Jährigen: „Sag mir, wo du liest und ich sage dir, wer du bist...“


ILLUSTRATIONEN VON ANDREA MONGIA EINE GESCHICHTE VON MARINA GERSONY

... „Die Umfrage ermöglicht uns, mehr über die Vorlieben und Wünsche unserer Leser zu erfahren. Wenn Sie zustimmen, erhalten Sie ein kostenloses zweifarbiges Notizbuch und Ihr Name wird auf unserer Website zusammen mit dem der anderen berühmten Interviewpartner erscheinen.“ Die erste Versuchung war, Carla und ihren Verlag, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, einfach abzuwimmeln, aber dann schmeichelte mir die Vorstellung, zu einer Elite von Meinungsführern zu gehören: „Na gut“, sagte ich, um Zeit zu gewinnen (in Wirklichkeit wusste ich nicht, was ich sagen sollte), „wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie mich heute Abend zurückrufen, wenn ich von der Arbeit komme?“ Ganz von meiner Büroarbeit eingenommen vergaß ich den Anruf, aber als ich wieder zu Hause war, fiel er mir ein. Letztendlich war ihre Frage doch gar nicht so dumm. Schon als Kind habe ich viel gelesen, vor allem bei meinen Rückzügen ins WC, denn ich war das, was man schlechthin eine Leseratte nennt. Ich verkroch mich im Badezimmer meiner Eltern, wo sich niemand traute, mich zu stören. Als Studentin verbrachte ich ganze Nachmittage auf dem Porzellanthron sitzend, um zu lernen; stundenlanges Lesen und Wiederlesen von allem Möglichen wie Uni-Skripten, Comics, Zeitschriften, Tageszeitungen, Kurzgeschichten, Romanen und Aufsätzen einschließlich Texten über die Geschichte des Klopapiers oder japanischer Toiletten. Es war mein Zufluchtsort, die klassische und lang ersehnte Auszeit, weit weg von neugierigen Familienmitgliedern und Mitbewohnern. Auch später, als ich einen Job bei einer Bank bekam und allein in einer Mietwohnung lebte, blieb mir diese Gewohnheit heilig. Wenn ich zufällig bei Freunden zum Essen war und die Unterhaltung anstrengend wurde, stand ich mit dem Spruch auf, den mir meine Tante beigebracht hatte: „Ich muss mal für kleine Mädchen, und bin gleich wieder da.“ Im Bad kann ich mich konzentrieren, es ist der Ort, um die Welt um mich herum mit ihren Scheußlichkeiten zu vergessen. Ich denke nicht mehr über die Spannungen in der Familie oder bei der Arbeit und die täglichen Kämpfe nach. Nach Hause zu kommen bedeutet Ruhe, ins Bad zu eilen ist pures Glück. Ich habe es nach meinem Geschmack eingerichtet: mit Hängekeramiken, die wie Möwen im Flug aussehen, einer Vintage-Badewanne, elfenbeinfarben lackierten Wänden und den hier und da verstreuten Grünpflanzen, die dazu einen Kontrast bilden. Den letzten Schliff bilden vier Obstkisten, die vom Markt stammen. Nach einem Tutorial auf YouTube habe ich sie in der gleichen Farbe wie die Wände gestrichen und vertikal montiert. Das Ergebnis: ein entzückendes Bücherregal, das darauf wartet, mit Büchern gefüllt zu werden. Auf meinem kleinen Keramiksitz mit Blick

auf eine hübsche, blühende Terrasse schweife ich ab und versinke in Balzac, Singer, Roth und entdecke Leopardi neu; ich vertiefe mich in ein Buch über das Verschwinden von Atlantis, um anschließend in einem Pamphlet über Reinkarnation zu schmökern, das ich beim Friseur aufgegabelt habe. Die Sammlung geht weiter mit den Gedichtbänden von Eugenio Montale bis hin zu den esoterischen Erzählungen von Paulo Coelho; von den ethologischen Darlegungen des Konrad Lorenz bis zur Sentimentalität von Charles Dickens; von den Liebesromanen aus der Feder von Barbara Cartland bis zum Horror von Stephen King; von Alessandro Baricco zu den wiederentdeckten Comics der Zeitschrift Intrepido, die meine Großmutter als Kind las. Kurz gesagt, ein Potpourri von Autoren, die nichts miteinander zu tun haben, mich aber zum Träumen bringen, emotional berühren und aufrütteln, mich in wunderbare Welten transportieren und das Leben anderer leben lassen. „Zeit zum Lesen ist immer der Pflicht zu leben gestohlene Zeit, wie die Zeit zum Lieben“, schrieb Daniel Pennac. Und das Bad ist mein Lesezimmer, der Raum, in dem ich meine Seele baumeln lasse. Der Duft von Zimt, Hintergrundmusik, der Geruch von Papier (des Buches) und das Rascheln der umgeschlagenen Seiten, was könnte es Schöneres im Leben geben? Während ich noch grübelte, klingelte mein Handy. Es war Carla von Lou & ParTnersOnline. Jetzt wusste ich, was ich auf ihre Frage antworten würde.