NEUE HORIZONTE


Eine verborgene Insel

Laut Paul Cézanne ist Kunst eine Harmonie, die parallel zur Natur verläuft. Aus diesem Prinzip heraus entstand Hombroich, ein Ort, an dem Kreativität und Architektur mit der Landschaft im Dialog stehen, und daraus eine Ideenwerkstatt wird.

Ein neues Museumskonzept zur Anregung des künstlerischen Schaffens und Lernens seitens der Besucher. Es umfasst auch Künstlerresidenzen. Ein faszinierender Ort, an dem sich Geschichte mit experimentellen Siedlungen mischt.

Hombroich ist eine meisterhafte Begegnung zwischen künstlerischen und ökologischen Kulturen. Aber die wichtige kreative Werkstatt bewahrt und sammelt nicht nur Werke der antiken Kunst aus Asien und der westlichen Welt, sie ist vor allem ein aktives Zentrum für die Entwicklung neuer Projekte. Das multifunktionale Areal befindet sich im nordrhein-westfälischen Neuss, unweit von Köln, auf einer 60 Hektar großen Fläche mit 40 Gebäuden. Es versteht sich nicht nur als fortlaufendes „offenes Experiment“, wo internationale Künstler, die sich hauptsächlich der Architektur widmen, leben und arbeiten, es dient auch der Organisation von künstlerischen, literarischen, philosophischen und musikalischen Veranstaltungen. Entstehungsgrundlage war das persönliche Engagement des Privatsammlers Karl- Heinrich Müller, der 1982 das Rosa Haus, eine Villa aus dem 19. Jahrhundert mit Garten, erwarb. Seitdem hat sich unter Mitwirkung von Künstlern die Stiftung Insel Hombroich (1997) entwickelt, zu der das Museum Insel Hombroich, die Raketenstation Hombroich und das Kirkeby-Feld gehören. Seit 2014 leitet der deutsche Architekt Frank Boehm dieses bedeutende Kulturzentrum.

Er lebte viele Jahre in Italien, wo er die Deutsche Bank Collection Italy gründete und die MiArt – Messe für zeitgenössische und moderne Kunst – leitete. Zudem lehrte er an der Fakultät für Kunst und Design an der IUAV in Venedig. Wir haben ihn gebeten, uns aus dem Leben dieses Ateliers der Künste zu erzählen.


Frank Boehm, Direktor der Stiftung Insel Hombroich.

Ein Bild aus der Ausstellung „Ein Stein Teehaus und andere Architekturen“, die Terunobu Fujimoris fotografischer Forschung gewidmet ist, Siza Pavillon.


Walk-in sculpture designed by Terunobu Fujimori: Ein Stein Tea House. The wooden facade has been hand processed according to the ancient Yakisugi method.


Was bedeutet es, eine so komplexe Stiftung zu leiten?

Da ist zum einen der Erhalt und die Pflege der Museums Insel Hombroich, ein mit seinem ganzheitlichen Ansatz wegweisendes Projekt, das sich als Gesamtkunstwerk, d. h. einem Zusammenspiel zwischen Kunst, Architektur und Natur, versteht. Zum anderen die Raketenstation Hombroich, ein ehemaliger Militärstützpunkt, den Karl- Heinrich Müller, der Gründer des Museums, in den 90er Jahren in den Bestand der Stiftung aufnahm. Hier hat Müller einer Gruppe von Künstlern Arbeitsräume zur lebenslangen Nutzung angeboten, die wiederum andere Künstler in kreativen Residenzen beherbergen. Meine und unsere Aufgabe ist es, eine komplexe Situation zu bewahren, die reich an Archiven, Kunstwerken, Architektur und Landschaft ist, und die Kunst zu entwickeln, indem wir Künstlern durch die Förderung von Programmen und Ausstellungen Raum bieten.


Worin besteht Ihr Schwerpunktbereich in der Stiftung Insel Hombroich und welches Ziel verfolgen Sie?

Die Fläche der Stiftung erlaubt und fördert bestimmte Nutzungen. In Hombroich gibt es zum Beispiel eine große Gebäudeansammlung des dänischen Bildhauers, Regisseurs und Schriftstellers Per Kirkeby (1938-2018), die es ermöglichte, ihm eine Ausstellung in den von ihm geschaffenen Räumen zu widmen. Das Gebäude von Alvaro Siza ist für Wanderausstellungen bestimmt.

Vor kurzem haben wir das Haus für Musiker fertiggestellt, ein bedeutsames Projekt des verstorbenen Raimund Abraham, das Künstler aufnimmt und gleichzeitig Atelier und Experimentierbühne sein soll. Im Museum fehlt übrigens die Beschilderung. Somit wird der Besuch zu einer Entdeckungsreise, die wesentlich durch das abwechselnde Erleben der Kunsträume (mit ausschließlich natürlicher Beleuchtung) und der sie umgebenden Natur geprägt ist.


Wie arbeitet die Stiftung Insel Hombroich mit Architekten und Architekturinstitutionen zusammen?

Hauptsächlich besteht die Mission dieses Ortes im architektonischen Experimentieren. Über 20 Jahre war Hombroich ein Ort, an dem Architektur auch als Selbstzweck verwirklicht wurde. Der Fokus lag nicht auf Funktionalität und Machbarkeit, sondern auf künstlerischer Kohärenz. Zusammen mit dem Architekten Roger Boltshauser und seinen Studenten von der ETH Zürich arbeitete ich an einem Designprojekt für ein Kunstlager an der Raketenstation Hombroich, entworfen als Konstruktion mit festgestampftem Boden. Wo, wenn nicht in Hombroich, könnte eine solch revolutionäre Neuinterpretation einer alten traditionellen Technik versucht werden?

Das Innere des Teehauses.


Nach den Wünschen von Karl-Heinrich Müller und inspiriert durch das Motto von Cézanne: „Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur“, ist die Natur der Schwerpunkt der Stiftung Insel Hombroich. Wie ist es für einen Künstler, hier zu leben?

Von Anfang an beschränkten sich die wichtigen Elemente nicht nur auf Architektur, Kunst und Landschaft, sondern auch auf die Präsenz von Musikern, Dichtern und Philosophen. Der Kontext war funktional und wurde anschließend auf unterschiedliche Weise interpretiert, ohne dass ein thematischer Bezug erforderlich gewesen wäre. Sie würden wahrscheinlich sehr unterschiedliche Antworten erhalten, aber die Erfahrung einer gewissen Isolation ist prägend. Obwohl in unmittelbarer Nähe zu mehreren städtischen Zentren, liegt Hombroich doch eigentlich auf dem Land. Müller hatte schon seit Beginn einen Namen für das Museum gefunden, inspiriert von einer kleinen Flussinsel.


Die Karte von Hombroich. Auf über 60 Hektar Fläche befinden sich architektonische Komplexe und Einzelbauten: ein architektonisches Freilichtmuseum.


The Pavillion designed by Álvaro Siza and Rudolf Finsterwalder. It hosts temporary exhibitions.


Das neueste Gebäude in Hombroich stammt von dem Architekten Terunobu Fujimori. Was ist es?

Es ist ein Teehaus: Terunobu Fujimori interpretiert die Tradition der japanischen Teestube, die wahrscheinlich auf Sen no Rikyū im 16. Jahrhundert zurückgeht. Entworfen für die Raketenstation Hombroich ist sie als 1:1-Exponat konzipiert. Das Aussehen des Teehauses wird durch die schwarze Holzfassade bestimmt, die nach der traditionellen Yakisugi-Methode behandelt wurde. Dabei schließen die Flammen die Poren des Holzes, das dadurch beständiger gegen Umwelteinflüsse wird. Fujimori behandelt die Oberfläche nicht weiter. Die Geometrie des Hauses zeichnet sich durch Rundungen und eine nicht wahrnehmbare Asymmetrie aus.

Zwei vertikale Flügel stehen vom Gebäudekörper ab. Die Fensterläden und Fensterscheiben bilden beim Öffnen eine Einheit. Die Stützen des Hauses sind fest im Boden verankert und daher aus besonders robustem Robinienholz gefertigt. Die Verwendung von Eichenholz im Innenraum erinnert a die geografische Lage in Deutschland, während die Stahltreppe eine Anspielung auf die Gebäude von Erwin Heerich ist.


Wie wird man das Teehaus nutzen?

An bestimmten Tagen organisiert die Stiftung im Teehaus Teezeremonien für bis zu vier Personen. Im Gegensatz zu den meisten japanischen Teestuben gibt es im „Ein Stein Teehaus“ einen Tisch, an dem die Besucher auf einer Bank sitzen, die an der gebogenen Wand entlangläuft. Das große Fenster, das den Blick auf die umliegende Natur freigibt, ermöglichte bis vor kurzem die Abhaltung von Teezeremonien, aber zurzeit ist alles ausgesetzt.


Hat die Stiftung Insel Hombroich, bedingt durch die Covid-Einschränkungen, Online-Programme organisiert?

Das Erlebnis eines Besuchs im Museum Insel Hombroich kann unserer Meinung nach nicht durch ein virtuelles Erlebnis ersetzt werden. Wir sind jedoch dabei, unsere Sammlungen und Aktivitäten detailliert online sichtbar zu machen. Dies ist jedoch keine direkte Reaktion auf die aktuelle Situation.


Studio von Anatol Herzfeld.


Was werden die nächsten Projekte / Ausstellungen / Publikationen sein?

Anfang 2021 wird die Stiftung Terunobu Fujimori. Ein Stein Teehaus. veröffentlichen, ein Buch, das anlässlich des Teehausbaus herauskam. Im April eröffnen wir eine Ausstellung über das Werk von Jean Fautrier, das sich bereits in unserer Sammlung befindet, sowie eine Ausstellung mit der polnischen Fotografin Joana Piotrowska. Und wir planen noch in diesem Jahr ein Performance-Projekt des jungen Künstlers Harkeerat Mangat.

Kirkeby-Feld. Die drei Kapellen (2003). Die Kahmen Kollektion (2006) und Feld-Haus – Das Museum populärer Drucke (2009).