Ein persönliches Gespräch mit Rossana Orlandi

Die für ihre Eleganz und starke Persönlichkeit bekannte Rossana Orlandi gehört zu einer der wichtigsten Influencerinnen in der Welt des Designs. Von Vernunft und Gefühl geleitet, hat sie ihre Galerie in einen besonderen Ort verwandelt, der ein bisschen Wunderkammer, ein bisschen Designshop und ein bisschen Ideenschmiede ist.

Spiel und Ironie Die Kreativität von Rossana Orlandi zeigt sich bei jeder Gelegenheit. Hier wird sie für die von der Stadt Mailand initiierte Kampagne zum Neustart der Stadt porträtiert. Sie sitzt in einer Stadtstraßenbahn und hält ein Exemplar des Magazins Financial Times in der Hand, das ihr 2011 die Titelseite widmete (Foto: Guido Castagnoli). Unverkennbar sind ihre wunderbar gepflegten Hände, der große Ring und die weiße Kleidung.

Beim ersten Mal geht es fast jedem so. Rossana Orlandi wirkt zerstreut. Stets freundlich, aber abwesend. Sie erinnert sich nicht an die Verabredung, wer man ist und warum man vor ihr steht. Aber nur ein kurzer Moment genügt, zwei Hinweise des Assistenten und alles ändert sich: Jedes Detail kommt ihr wieder perfekt in den Sinn, sie spult das Band zurück und schon geht es in einer anderen Tonart weiter. Neugierig, aufmerksam und großzügig versteht sie es, sofort eine emphatische Beziehung aufzubauen. Nach einem Rundgang durch die Galerie, bei dem sie die neuesten Werke junger, aufstrebender Künstler vorstellt, die sie auf der ganzen Welt kennengelernt hat, und mich nach meiner Meinung fragt, bringt sie mich in ihr Büro. Sie sitzt hinter einem Schreibtisch, auf dem sich alles Mögliche stapelt: Zeitungen, Prototypen, Taschen, Brillen, Telefone, elektronische Zigaretten, Designerstücke, Geschenke für die Enkelkinder, Schachteln mit Canestrelli von Jeantet aus Biella, unvergleichlich guten Schokoladenwaffeln, die sie mir sofort anbietet. Sie ist es, die beginnt, mir Fragen zu stellen. Und ich werde mir sofort bewusst, dass eine ganz besondere Frau vor mir sitzt, die intelligent erobert, elegant amüsiert und authentisch verführt werden will. In etwas über 20 Jahren Tätigkeit hat sie sich als eine der scharfsinnigsten und intuitivsten Talentscouts des internationalen Designs etabliert und Persönlichkeiten mit den unterschiedlichsten Begabungen aufgenommen. Aber man sollte keinen sterilen Ort mit weißen Wänden und gedämpftem Licht erwarten, wenn man über die Schwelle in der Via Bandello 14 tritt. Die Galleria Rossana Orlandi ist ein ganz besonderer Ort. Eine ehemalige Krawattenfabrik, nur einen Steinwurf von Sant'Ambrogio entfernt, ist das, was man sich unter einem verborgenen Ort vorstellt. In einem wunderschönen Innenhof wird man von einer Rebenlaube mit amerikanischen Trauben und unzähligen Blumen begrüßt, die je nach Jahreszeit wechseln: Dies ist der erste Ausstellungsraum, ein Salon unter freiem Himmel, ausgestattet mit einzigartigen Stücken, zusammengestellt mit viel Gespür und Charme – übrigens alle zum Verkauf. übrigens alle zum Verkauf. Hier finden Buchpräsentationen, Themenabende oder besondere, von Sterneköchen vorgeschlagene Dinner statt. Nachwuchsköche kochen stattdessen im BistRo nebenan. Das vollständig von Rossana eingerichtete Restaurant wird heute von Aimo und Nadia geführt, die Küche leitet Lorenzo Pesci, der 2020 als bester italienischer Under-35-Chefkoch ausgezeichnet wurde. Aber zurück zur Galerie. Im Inneren des ursprünglich dreistöckigen Gebäudes reihen sich Räume, Korridore und Treppen aneinander, die zu weiteren Ausstellungsbereichen führen, jeder mit seinem eigenen besonderen Stil und Charme. Man könnte sagen, dass die Galleria RO ein bisschen Wunderkammer, ein bisschen Forschungsatelier und ein bisschen Designshop ist. „Da ich lange Zeit in der Modebranche tätig war, möchte ich meine Galerie nicht als Atelier bezeichnen“, sagt Rossana im Interview. „Am Atelier schätze ich das Streben nach Qualität, die Liebe zum Detail, den Evolutionsdrang, die Teamarbeit. Weniger die Idee eines Raumes für einige wenige Auserwählte.“ Wir treffen sie am nächsten Tag nach der digitalen Preisverleihung von Guiltless Plastic, dem Wettbewerb für nachhaltige und innovative Kreativität, den sie vor 2 Jahren ins Leben gerufen hat.

Die Macht der Ideen Ein Raum aus Tabula Rara, ein im Jahr 2004 auf Einladung organisiertes Event. Um die neu eröffnete Galerie bekannt zu machen, beschloss Rossana, die wichtigsten Zeitschriften des nationalen Designs anzusprechen und sie für die Kreation eines Designtisches zu engagieren. Das Foto zeigt das Projekt Case da Abitare von Katie Lockhart.

Die Galleria Ro liegt inmitten von Gärten und befindet sich im ständigen Wandel. Die unterschiedlich großen Bereiche bieten sich für Themen- Inszenierungen und ortsspezifische Veranstaltungen an.

Ein unverwechselbarer Stil Das von Aimo und Nadia geführte BistRo befindet sich direkt neben der Galleria Ro. Der Bereich wurde komplett von Rossana mit Stücken von Designern, die sie vertritt, eingerichtet und dabei eine gekonnte Farbwahl getroffen.


Die Freude an der Gastfreundschaft

Oben. Die Theke am Eingang des BistRo in der Via Matteo Bandello. Kreativität und Funktionalität sind die absoluten Protagonisten. Unten. Unter der mit Weinreben bewachsenen Laube, der erste Bereich der Galleria Rossana Orlandi. In diesem mit Outdoor-Möbeln eingerichteten Ambiente finden Abendessen, Vorträge und Buchpräsentationen statt.


Wie entstand Guiltless Plastic?

Gemeinsam mit meiner Tochter Nicoletta - sie kümmert sich um die Kommunikation und die Beziehungen zu allen Beteiligten, von den Designern bis zu den Juroren - wollten wir der Welt des Designs ein wichtiges Zeichen geben. Zu viele unnötige Plastikgegenstände umgeben uns im Alltag und viel zu viel nicht abbaubarer Müll erstickt den Planeten. Basierend auf diesen Überlegungen haben wir einen internationalen Award für Designer ins Leben gerufen, der in 5 Kategorien unterteilt ist: Industrial Design, Packaging Solutions, Conscious Innovation Projects, Innovative Textiles, Awareness on Communication. Dieses Jahr haben 1.200 Designer aus 65 Ländern daran teilgenommen. 123 zählten zu den Finalisten. Es ist ein spannender Job, der uns unglaublich viel Freude bereitet. Stellen Sie sich vor, die Gewinner des Conscious Innovation Projects, das Team von Ecoact Tanzania, schufen einen Balken aus Plastikabfällen und nicht transportierbarem Verpackungsmaterial. Also schickten sie ein 7,5 cm langes Stück: Göttlich, ich werde es als Anhänger um meinen Hals tragen.

Prototyp von Golf Weave (2020), ein aus Golfbällen hergestellter Sessel. Es ist die erste Arbeit des jungen Australiers Jake Rollins, der ebenfalls zu den Teilnehmern der letzten Ausgabe des Ro Plastic Prize gehört.




Beginnen wir mit der Auswahl: Wie wählen Sie die Designer für Ihre Galerie aus?

Nach ganz unterschiedlichen Kriterien. Vieles hängt von der Qualität dessen ab, was sie mir präsentieren – ich beschränke mich niemals nur auf das Objekt. Für mich ist es wichtig, den Personen in die Augen zu schauen, um zu verstehen, wie kreativ sie wirklich sind. Ich suche keine Glanzleistungen, wo dann nichts mehr nachfolgt. Als ich anfing, mich mit Design zu beschäftigen und nicht die geringste Ahnung hatte, was ich mit diesem Raum anstellen sollte, hat mich die Intuition geleitet. Das erste Objekt, das mir in die Hände fiel, war eine wunderschöne Lampe von Sebastian Wrong. Ich war nach London gereist, um ihn kennenzulernen und kaufte seine gesamt kleine Kollektion – zwei Stücke erwarb Piero Busnelli von B&B Italia, ein außergewöhnlicher Mann. Wir haben die Ausstellung organisiert und dabei alle Entwürfe und Prototypen aus einem ultraleichten, für Raumfahrzeuge entwickelten Material vorgestellt. Es war ein sofortiger Erfolg, und alles in wenigen Tagen ausverkauft. Piero Gandini, damals bei Flos, übernahm das Projekt und Spoon Light war geboren. Als es in die Produktion ging, gab es natürlich Änderungen, die Wrong nicht vornehmen wollte. Aber ich brachte ihn dazu zuzustimmen, und die Zeit gab mir Recht.

Conscious Innovation Project Das Team Ecoact Tanzania ist eines der Gewinnerprojekte des Ro Plastic Prize 2020. Es besteht aus Kunststoffabfällen von Industrie- und Lebensmittelverpackungen.

Dann traf ich Piet Hein Eek, Nacho Carbonel, Marteen Baas. Ich bin sehr stolz darauf, daran zu erinnern, in Italien die erste Ausstellung von Formafantasma organisiert zu haben: Das italienische Duo mit Sitz in Amsterdam ist heute einer der interessantesten Namen im internationalen Spektrum, sicher auch, weil sich die beiden schon immer mit der Frage beschäftigt haben, wie Design über das reine Objekt hinausgehen kann. In die Ausstellung brachten sie einen großen Blumenkasten aus Textilmaterial. Sie hatten alles genau untersucht: die Drainage, die Aufrechterhaltung der Feuchtigkeit, die keimfreien und bakteriell unschädlichen Eigenschaften des Gewebes für die Pflanzen. Mit ihnen haben wir drei weitere Ausstellungen organisiert. Berühmt blieb Autarchy im Jahr 2010. Es war eine Installation, die autonome Konstruktionsformen durch die Präsentation einer Kollektion mit Schalen aus Mehl, landwirtschaftlichen Abfällen und Kalkstein erforschte. Das Projekt nahm die Themen Nachhaltigkeit und Bewusstsein hinsichtlich Verschwendung und Eigenproduktion vorweg.


Roberto Tarter und Rodolfo Viola vom Studio Morghen, porträtiert unter Ophelia (2013), einer Hängeleuchte aus dünnen Metallbändern.

„Die Designer nennen mich oft Mama, vielleicht, weil ich ihr Talent entdecke, sie lanciere und lange Zeit an ihrer Seite bleibe.“


Hatten Sie irgendwelche Mentoren oder Bezugspersonen?

Anfangs bin ich viel gereist, vor allem um vor Ort zu erfahren, was an den internationalen Designschulen gelehrt wird. Leider arbeiteten die italienischen Schulen nicht am Produkt: Sie hatten Renderings, aber das interessierte mich nicht. Ich muss allerdings sagen, dass, als ich anfing, Zeitschriften für mich große Lehrmeister waren. Case da Abitare war grandios, ich habe so viel gelernt. Dann zwei Bezugspunkte: Lina Kanafani von der Galerie Mint in London und Cok de Rooy vom Shop Frozen Fountain in Amsterdam. Sie haben mich vielen Designern vorgestellt, mir erzählt, wie man arbeitet und wie sie Projekte auswählen. Ein sehr untypisches Verhalten: Ihre Großzügigkeit ist wirklich etwas Besonderes und tatsächlich sind wir auch heute noch gute Freunde. Ja, London und Holland waren meine Ausbildungsstätten. In Eindhoven habe ich Lee Edelkoort, eine absolute Trendsetterin, kennengelernt: Sie war pure Fantasie und geballte Kreativität. Damals war sie Chairwoman der Design Academy. Ihre Intuition ist sprichwörtlich.


Wie konnten Sie die Öffentlichkeit und Presse für sich gewinnen?

Mit Tabula Rara, einer Veranstaltungsreihe, die auf Einladung stattfindet. Die Idee habe ich von Giovanna Moldenhauer, die für La Cucina Italiana gearbeitet hat: Sie musste drei Esstische gestalten. Es hat zehn Tage Arbeit gekostet, aber das Ergebnis war umwerfend. Damals wurde mir klar, dass Sozialisation am Esstisch und nicht mehr im Wohnzimmer stattfindet. Also telefonierte ich mit den Direktoren der wichtigsten Designmagazine und bot ihnen an, ihren idealen gedeckten Tisch zu gestalten. Wir hatten eine Menge Spaß und auch wenn am Anfang jeder seine eigenen Ideen verteidigte, so fanden wir uns am Ende als Freunde um einen, wie könnte es anders sein, gedeckten Tisch wieder.


Beziehungen sind bei Ihrer Arbeit wichtig, nicht wahr?

Mit den Designern entsteht eine Beziehung großer Freundschaft und oft nennen sie mich „die Mama“, vielleicht, weil ich ihr Talent entdecke, sie lanciere und lange Zeit an ihrer Seite bleibe. Seit jeher begleite ich Piet Hein Eek, und auch jetzt, wo er eine berühmte Marke aufgebaut hat, stellt er in Italien bei mir aus. Die letzte Entdeckung ist wunderschön, es ist ein Sessel aus Golfbällen, die man von der Übungswiese wieder eingesammelt hat. Der Designer ist ein australischer Junge, und, sehr bewundernswert, er hat mir das Teil während der Covid-Pandemie auf eigene Kosten geschickt. Ausgehend von der Studie des Moleküls des Atoms entwarf und baute er die Struktur. Ich überlege schon, wie ich ihm Kraft geben kann.


Was möchten Sie den Lesern von Together mit auf den Weg geben?

Wenn sich die Leser dieses Magazins mit Bädern, Hygiene und Wellness beschäftigen, möchte ich sie auf die Bäder für Behinderte aufmerksam machen: Im Allgemeinen ist die Produktion sehr hässlich, bestrafend, schrecklich die WC-Sitze und noch schlimmer die Stangen, die wirklich traurig sind. Jede öffentliche Einrichtung verlangt obligatorisch nach einer konformen Toilette, und glauben Sie mir, heutzutage kommt einem das Grausen. Warum kann man nicht eine einladende, spielerische, bunte und positive Einstellung haben?

Die Farbe des Lichts Die Leuchten der Kollektion Halo tragen die Handschrift des Studios Mandalaki, und entstanden aus der Verbindung zwischen Design und Hightech. Sie schaffen einzigartige Umgebungen mit einer starken chromatischen Wirkung.

Moodboard

Wie eine Rose in der Wüste

Inspiriert von lokalen Farben und Materialien trägt das Nationalmuseum von Katar die Handschrift des Ateliers Jean Nouvel. Ein avantgardistisches Gebäude, das bedeutende technische Herausforderungen meistern konnte. Hier trifft Technik auf die Harmonie der Form.

Die Natur gibt ihr Ruhe, aber ohne Arbeit und Mailand könnte sie nicht leben. Ihre extreme Neugier bringt sie dazu, immer etwas Neues zu entdecken.


Das Blau der Unendlichkeit

Sie liebt alle Jahreszeiten, so lange der Himmel klar und hell ist. In dieser Aufnahme von Chris Jordan stehen der Mond und ein fliegender Albatros für Freiheit und die Kraft der Träume.

Mailand, mon Amour

Die Stadt, die in die Höhe wächst, wie Umberto Boccioni sie definierte, ist wandlungsfähig, versteht es aber, ihre Geschichte zu bewahren. Sie mag vielleicht die kleinste Metropole der Welt sein, aber die Energie und Kreativität, die aus ihr sprudeln, machen sie einzigartig und stets einladend.


Feuer

Knisternde Kamine sind ihre Leidenschaft, aber generell besitzt Feuer die Kraft, sie zu verzaubern. Sicherlich ist es das Element, das sie am besten beschreibt: ungestüm, einladend, fähig, dich mit einem Blick zu vernichten.

Ironie

„Was wäre das Leben ohne ein wenig Sorglosigkeit? Ein Lachen löst manchmal einen Konflikt und hilft zu erkennen, dass es immer einen Ausweg gibt“. Auf dem Foto: Slurp / Campbell's Soup Cans – Andy Warhol / Tick, Trick und Track; Smack Smack / Der Kuss – Francesco Hayez / Mickey und Minnie, Bansky ein Werk von G+G, in der Galleria Ro ausgestellte Künstler.

Leonardo da Vinci

Sie war schon immer fasziniert vom Geist Leonardo da Vincis, seiner Neugierde und seiner Begeisterung für Wissenschaft und Entdeckungen. Schon die alleinige Betrachtung seiner Schrift eröffnet ihr eine komplexe Welt der nie endenden Forschung.

Die Blume des Orients

Sie züchtet seit vielen, vielen Jahren Pfingstrosen und schenkt im Frühjahr atemberaubende Blumenkörbe. Mit ihren tausend Schattierungen und ihrer Fülle an Blütenblättern sind sie ein Symbol für Wohlstand und gutes Omen.

The flower of the East