Madame Nanette nimmt die Vase vorsichtig in ihre dünnen Hände. Das wertvolle Stück hat die alte Dame vor vielen Jahren im Marché aux Puces in Saint-Ouen in Paris erworben.

ILLUSTRATIONEN CHIARA GHIGLIAZZA STORY MARINA GERSONY

Es ist sehr fein – aus zerbrechlichem Porzellan – wie so oft auch das Leben der Menschen. Während sie die grünlich-türkisen Farbtöne der Vase eingehend betrachtet, erinnert sie sich an die Kriegszeiten und all den Horror, der bei ihr für immer seine Spuren hinterlassen hat. Zu der Zeit war sie jung und hübsch und hatte das Leben vor sich, aber nach dem Verlust ihres liebsten Menschen hat sie entschieden, nie zu heiraten. Ihr Herz war einfach nicht bereit für weiteren Kummer, Einsamkeit schien ihr das geringere Übel. Nanette kam ohne einen Cent in der Tasche in Italien an, hat den Schritt aber gewagt! Sie hat nur das Nötigste aus Frankreich mitgebracht, darunter ein herrliches Meißner Porzellan, das ihrer Familie gehörte. Eigentlich wollte sie das Porzellan verkaufen und von dem Erlös eine Weile leben. Stattdessen war dies der Anfang eines blühenden Handels mit feinem Porzellan. Die junge Frau wurde mit der Zeit eine der berühmtesten Expertinnen für Porzellan und die Ansprechpartnerin für die wichtigsten Antiquitätenhändler in Europa. Mit ihrer Kultiviertheit, Eleganz und ihrem Charme verzaubert Nanette jeden, der das Glück hatte, sie zu kennenzulernen. Sie greift auf einen unermesslichen Erfahrungsschatz zurück, erkennt jede Art von Verarbeitung sowie verschiedene Techniken, Mischung, Temperatur, Porosität, Verzierungen, Prozessstufen und Brennzeiten … schließlich ist Porzellan nur eine Keramikverbindung, eine Mischung aus Mineralien aus Kaolin, Quarz und Feldspat. Nanette erkennt sofort die Herkunft, Qualität und Epoche eines Objekts. Auf einen Blick weiß sie, ob das Porzellan chinesisch oder europäisch, aus weichem oder hartem Porzellan ist. Selbst mit geschlossenen Augen kann sie die verschiedenen Arten der Herstellungsprozesse unterscheiden: Meißen, Ginori, Capodimonte und Neapel, Sèvres und Limoges, Royal Copenhagen und Bing & Grøndahl; Knochenporzellan und Wedgwood … Für sie ist Porzellan mehr als eine Leidenschaft, es ist ein Spiel, das ihr Spaß macht. Ihr eigenes Haus ist eine Ode an das Porzellan, ein Museum voller Schnickschnack, der sich überall ausgebreitet hat: Statuen und Figuren jedes Stils und jeder Verarbeitung. Lampen, Teller aus Italien und Europa, Tabletts, Rahmen, Vasen, Schüsseln, orientalische Tee- und Kaffeesets. Das Badezimmer aber ist eine echte Augenweide: Nanette hat Regale bis zur Decke aus wertvollem Ebenholz einbauen lassen. Wenn das Sonnenlicht durch die großen Fenster hereinkommt, leuchtet ihre Kollektion in einer Million Farben auf. Inmitten dieser Magie reist die alte Dame zurück in der Zeit. Ihr Badezimmer ist schon immer der Ort, an dem sie am besten in sich selbst ruhen kann. Es ist der Ort mit den wichtigsten und wertvollsten Objekten ihres Lebens: Ihre Erinnerungen, Stimmungen, Gefühle und Eroberungen. Bevor sie die schimmernde Vase, die sie vor all den Jahren in Paris gekauft hat, wieder zurück ins Regal stellt, sieht sie noch einmal genau hin. Ein leises Lächeln erscheint auf ihrem wunderschönen alten und gelassenen Gesicht.